Das Strompreis-Märchen
Seit die deutsche Industrie sich nach Pandemie und Energiekrise nur unzureichend erholt, kursiert eine einfache Erzählung: Die Energiewende habe hohe Strompreise verursacht, und diese hohen Strompreise seien der Grund für die schwache Lage deutscher Unternehmen. Diese Erzählung wird breit gestreut — aber selten kritisch hinterfragt. Deshalb starte ich mit einer kleinen Reihe. im Zentrum stehen Fakten statt Geschichten.
Energieintensive Industrie entwickelt sich schon lange schlecht
Das Statistische Bundesamt berechnet seit einiger Zeit einen Produktionsindex für energieintensive Wirtschaftszweige. Dieser Index wird häufig herangezogen, um einen Zusammenhang zwischen Energieintensität und unterdurchschnittlicher Entwicklung zu belegen.1 Zunächst ein Blick auf die Daten.
© BMWK/Andreas Mertens
Das Statistische Bundesamt hat den Index dieser Industriezweige rückwirkend bis 2005 berechnet. Normiert man den Mittelwert des Indexes im Jahr 2005 auf 100, lässt sich die Entwicklung dieser Bereiche mit dem Rest der Industrie vergleichen (Abbildung 1). Es fällt auf: Die energieintensiven Zweige begannen bereits 2007, sich unterdurchschnittlich zu entwickeln. Nach der Finanzkrise erholten sie sich nur schwach und stagnierten die 2010er Jahre hindurch. Zwar wurden sie 2022 von der Energiekrise hart getroffen, doch ihre Probleme begannen deutlich früher — zu einer Zeit, in der die Energiewende nur in Ansätzen existierte und der deutsche Strommix noch überwiegend aus fossilen Energieträgern bestand. Zudem zeigt sich: In den letzten beiden Jahren gibt es keinen klaren Unterschied mehr zwischen der Entwicklung energieintensiver und nicht-energieintensiver Bereiche — beide verharren auf schwachem Kurs
Abbildung 1: Produktionsindex unterschiedlicher Industriebereiche
Hinter den energieintensiven Zweigen stehen fünf Bereiche: Papierindustrie, Mineralölverarbeitung und Kokerei, chemische Industrie, Glas/Keramik/Zement sowie Metallerzeugung und -bearbeitung. 2023 machten sie insgesamt 15,7 % der industriellen Bruttowertschöpfung aus. Zum Vergleich: Maschinenbau (16,6 %) und Automobilwirtschaft (17,4 %) sind jeweils für sich genommen genauso bedeutend oder bedeutender (Abbildung 2).
Abbildung 2: Anteile der Industriezweige an der Bruttowertschöpfung 20232
Energiekosten haben nicht die behauptete Bedeutung
Was aber meint eigentlich energieintensiv? Das Statistische Bundesamt nimmt die 5 Bereiche mit dem höchsten Energieverbrauch. Der Begriff energieintensiv klingt in vielen Ohren so, als würde Energie einen Großteil der Kosten ausmachen. Das ist für keinen der genannten Bereiche der Fall. Die Daten gibt es leider noch nicht nach der Energiekrise aber 2019 machten die Energiekosten auch in den energieintensiven Bereichen nur etwa 5% des Bruttoproduktionswerts aus (Abbildung 3).
Abbildung 3: Kosten für Energieverbrauch als Anteil am Bruttoproduktionswert, Kostenstrukturerhebung Statistisches Bundesamt3
In nicht energieintensiven Bereichen wie Auto- und Maschinenbau machen die Energiekosten nur 1% oder weniger aus. Auffallend ist auch, dass der Anteil dieser Kosten zwar von den 90er Jahren bis 2010 gestiegen ist, aber in den 10er Jahren wieder gefallen ist. Also genau in dem Zeitraum, in dem es ökonomisch für die meisten dieser Bereiche schon deutlich schlechter lief als zuvor. Das bedeutet übrigens nicht, dass in diesem Zeitraum die Energiekosten nicht gestiegen sind nur eben nicht stärker bzw. sogar schwächer als andere Kostenkategorien. Das ist auch mit überdurchschnittlich steigenden Energiepreisen vereinbar, wenn es der Industrie gelungen ist beim Energieeinsatz effizienter zu werden und weniger zu verbrauchen, und das ist zweifelslos der Fall. Vergleicht man das exemplarisch mit anderen Kostenkategorien fällt auf, dass auch bei den energieintensiven Zweigen andere Kosten bedeutend mehr ins Gewicht fallen (Abbildung 4).
Abbildung 4: Vergleich Kostenkategorien 2019, Kostenstrukturerhebung
Es ist natürlich so, dass auch im Materialverbrauch noch Energiekosten bei anderen Zulieferern ins Gewicht fallen, aber natürlich werden diese Wirtschaftszweige als Energieintensiv klassifiziert, weil sie einen hohen eigenen Energieverbrauch aufweisen. Sie verbrauchen alleine 76% der gesamten Energie der Industrie in Deutschland. Daher kann der indirekte Effekt bei ihnen nicht die Größenordnung des direkten erreichen. Vielmehr könnte es so sein, dass bei den nachgelagerten Bereichen wie etwa dem Maschinenbau oder der Automobilindustrie die Kosten für den Materialverbrauch dadurch steigen. Das würde eine genauere Betrachtung verdienen. Aber man sollte bedenken, dass diese Bereiche ihre Vorprodukte nicht nur in Deutschland einkaufen. Ich würde davon ausgehen, dass man eher bereit ist seine Zulieferer zu wechseln als langfristig, quasi aus Patriotismus, eigene Kostennachteile in Kauf zu nehmen.
Strompreise sind bereits deutlich gesunken
Die Strompreise für die Industrie sind nach den direkten Auswirkungen der Krise wieder deutlich gefallen. Die Großhandelspreise haben sich erholt, und politische Maßnahmen entlasten die Unternehmen. Die größte Einzelmaßnahme der Ampelregierung war die Finanzierung der EEG-Umlage aus dem Bundeshaushalt; das kostet aktuell jährlich rund 17 Mrd. Euro. Außerdem wurde die Stromsteuer für das produzierende Gewerbe auf 0,05 ct/kWh abgesenkt. Ursprünglich befristet, wurde diese Absenkung jetzt von der großen Koalition entfristet.
Im Ergebnis zahlt man in der Industrie jetzt einen Strompreis, der sogar leicht unterhalb des Vorkrisenniveaus liegt und das obwohl das allgemeine Preisniveau, und damit auch andere Kosten deutlich gestiegen, sind (Abbildung 5).
Abbildung 5: Strompreis für Neuverträge der Industrie, BDEW-Strompreisanalyse Juli 2025
Der Strompreisnachteil gegenüber den USA ist heute damit sogar geringer (aber absolut zweifelslos immer noch deutlich) als vor der Krise.4 Absolut also durchaus ein Kostennachteil, aber die schwächere Erholung der deutschen Industrie nach der Krise oder gar derzeit kann dies nicht erklären.
Vertreter der These, dass es an den Strompreisen liegt würden mir jetzt erwidern, dass die Industrie im Allgemeinen ja auch nicht das Problem hat, sondern nur die besonders energie- bzw. stromintensiven Branchen. Das ist korrekt. Die Bundesnetzagentur veröffentlicht einen Strompreisindex für die Industrie mit und ohne Vergünstigungen (Abbildung 6).
Abbildung 6: Industriestrompreisindex der Bundesnetzagentur
Es sind tatsächlich die Industriebereiche die schon immer begünstigt waren (weil sie energieintensiv sind), die heute einen höheren Strompreis zahlen als vor der Energiekrise. Er liegt derzeit um etwa 38% höher als Anfang 2021 und ist damit spürbar stärker gestiegen als das allgemeine Preisniveau. Die Krux: Unternehmen, die nie oder kaum Stromsteuer und EEG-Umlage gezahlt haben, kann ich nicht entlasten, wenn ich beides abschaffe bzw. stark senke. Entlastet hat man also mit diesen Maßnahmen vorwiegend die Industriebereiche, die überhaupt nicht energieintensiv sind und bei denen Energie daher nur einen marginalen Anteil ihrer Kosten ausmacht.
Die energieintensiven Branchen waren in Deutschland schon immer von bei Abgaben, Umlagen und Steuern stark entlastet oder mussten sie, wie die Stromsteuer, gleich gar nicht zahlen (vgl. § 9a Stromsteuergesetz). Um sie geht es bei der Debatte um den Industriestrompreis, dessen Ausgestaltung noch nicht final vorliegt.
Schon heute ist aberr klar, dass die jüngst schlechten Nachrichten aus Automobilindustrie und Maschinenbau nicht mit Strompreisen erklärt werden können. Erstens sind Beide nicht energieintensiv; zweitens sind die Strompreise dort heute nicht höher als vor der Krise. Das wirft aber die Frage auf, weshalb die Koalition weitere teure Entlastungsmaßnahmen mit der Gießkanne für die Breite der nicht energieintensiven Industrie beschließt (Entfristung Stromsteuer-Absenkung, Zuschuss zu Übertragungsnetzentgelten), wenn die Probleme woanders liegen und gleichzeitig große Haushaltsprobleme in den nächsten Jahren bestehen?
Das waren jetzt ein paar erste Fakten. Das Thema ist zu komplex und vielschichtig, um es nur in einem Beitrag zu beleuchten. Fortsetzung folgt.
Die Methodik wird hier erklärt. Ich habe die kalender- und saisonbereinige (X13) Zeitreihe nur auf den Mittelwert von 2005 um-normiert. Der Index hat aus meiner Sicht auch ein paar Probleme, die ich in einem anderen Beitrag noch näher betrachten werde.
Es handelt sich um Daten aus der Kostenstrukturerhebung des Statistischen Bundesamts für das produzierende Gewerbe (Tabellen-Code 42251-0001). Für 2024 liegen diese Daten noch nicht vor. Ich zeige den Anteil der Bruttowertschöpfung zu Faktorkosten des verarbeitenden Gewerbes. Auch dieser Anteil der energieintensiven Wirtschaftszweige an der Wertschöpfung ist in der Vergangenheit schon merklich zurückgegangen.
Im Bereich Kokerei und Mineralölverarbeitung sind die Grundstoffe Kohle und Öl mutmaßlich im Materialverbrauch enthalten. Das würde den Anteil beim Faktor Energie erklären. Außerdem ist die Besteuerung des Mineralöls hier ein großer Kostenfaktor.
Vgl. diesen Beitrag von Gustav Horn auf LinkedIn








